Soziologie:
Georg-Simmel-Gesamtausgabe, Band 16
Die Stimme des Lebens
Von Volker Kempf
Die fünf letzten Einzelveröffentlichungen Simmels, die
der Band 16 der Georg-Simmel-Gesamtausgabe in sich vereint, kennzeichnen die
Distanz gegenüber einer sich verselbständigenden wissenschaftlichen Kultur.
Simmel (1858–1918) hat seine nachhaltigste Wirkung in der wissenschaftlichen
Disziplin Soziologie erfahren. Dabei empfand er sein Hauptwerk
"Soziologie" (1908) sowie die Mitbegründung der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie (1909) als "Last und Pflicht". Daß er
aber weiterhin an der Soziologie interessiert war, macht die Veröffentlichung
der "Grundfragen der Soziologie" (1917) deutlich. Darin stellt er
seine Entwürfe von Soziologie, auch der philosophischen, die für den späteren
Simmel charakteristisch ist, vor.
Simmel blieb mit seinem Buch
"Lebensanschauung" (1918) bis zuletzt auf Distanz zur Wissenschaft,
verwarf sie aber nicht. Was er im Auge hatte, war die Spezialisierung, welche
zur Schwächung der Gesamtpersönlichkeit führe. Wissenschaft solle der
Kultivierung der Person dienen und nicht die Person in immer kleineren, sich
verselbständigenden Detailproblemen auflösen. Aber nicht nur die Wissenschaft,
auch das Recht, die Wirtschaft und andere Erscheinungen der objektiven
Kultursphäre neigen nach Simmel dazu, sich jeweils zum Selbstzweck zu machen
und den Menschen zu unterjochen. In diesem Sinne versteht Simmel das Gegenteil
von Freiheit nicht als Zwang, sondern als Zweckmäßigkeit, die ihn zum bloßen
Mittel degradiert.
Der Mensch, der sich nicht zum bloßen Mittel von
objektiven Kulturerscheinungen machen läßt, verwechselt dieser Logik folgend
beispielsweise nicht Legalität mit Moral. An die Stelle des objektiven Rechts
tritt das individuelle Gesetzt. Dieses ist nach Simmel das einzige Gegengift
zum Nihilismus, den die Entzauberung der Welt durch die objektive
Kulturleistung mit sich brachte. Nicht der rein wissenschaftliche Mensch,
sondern der vitale Mensch ist Garant für Verantwortung. Eine tiefe Erkenntnis,
deren Gehalt man sich wohl am ehesten im Extrem verdeutlichen kann:
wissenschaftlich gesehen ist es gleichgültig, ob der Mensch nun ist oder nicht.
Das Leben aber läßt sich nicht von irgendeiner objektiven Instanz wie der
Wissenschaft vorschreiben, ob wir Menschen sein sollen oder nicht. Vital genug
wird der Mensch das Leben um seiner selbst willen bejahen, ohne sich dafür zu
rechtfertigen. Denn Rechtfertigung bringe immer auch die Gefahr der Widerlegung
mit sich.
Dieser Gefahr wollte sich Simmel auch in seiner
frühen Einschätzung des Weltkrieges nicht aussetzen. In "Der Krieg und die
geistigen Entscheidungen" heißt es: "Ich liebe Deutschland und will
deshalb, daß es lebe – zum Teufel mit aller ‘objektiven’ Rechtfertigung dieses
Wollens aus der Kultur, der Ethik, der Geschichte oder Gott weiß was
heraus." Der Krieg war hereingebrochen, löste eine Endzeitstimmung aus,
was aber letztlich zur inneren Wandlung Deutschlands führen werde. 1870 sei der
Krieg gegen Frankreich von der Idee des Deutschen Reiches getragen worden; 1914
könne es nur noch darum gehen, Deutschland erwachsen werden zu lassen. Von der
Übermacht der materialistischen Wertungen, die mit der Anbetung des Geldes
hereingebrochen sei, müsse Deutschland zu etwas qualitativ anderem finden. Die
Entbehrungen, die der Krieg aufnötige, machen jedenfalls deutlich, worauf es
wirklich ankomme.
Simmel änderte seine Position zum Krieg schon im
Jahre 1915, was ihm ein Verbot einbrachte, seine politische Einschätzung
kundzutun. Dieses Verbot übertrat er aber, wie dem editorischen Bericht des
vorliegenden Bandes zu entnehmen ist, mit den Texten zum Krieg aus den Jahren
1914 bis 1916; die allgemeine Kriegsbegeisterung war schließlich längst
gekippt.
Könnte dem heutigen Leser die Idee kommen, Simmel
habe den Ersten Weltkrieg anfänglich als Gegengift zur Übermacht der
materialistischen Wertungen begrüßt, so ist ein Satz aus seinem 1915 gehaltenen
Vortrag "Die Idee Europas" aufschlußreich: "All dem
geschichtsphilosophischen Tiefsinn zum Trotz, der die ‘Notwendigkeit’ dieses
Krieges erspekuliert, bleibe ich bei der Überzeugung, daß er ohne die
Verblendung und die verbrecherische Frivolität ganz weniger Menschen in Europa
nicht entzündet worden wäre; nun er aber entzündet ist, haben wir in ihm eine
Kraftentfaltung und eine opferwillige Begeisterung von nie gekannten Maßen
erlebt."
Dieser Krieg nun verspiele die Idee Europas:
"das geistige Einheitsbilde, das wir ‘Europa’ nannten, ist zerschlagen,
und sein Wiederaufbau ist nicht abzusehen". Doch wenn nach der Zeit des
Hasses gegen Deutschland die "Stimme des Blutes" gehört werde und der
Versöhnung die Tür aufgehe, dann werde von der tiefsten Quelle her eine
"neuentstandene Gemeinsamkeit" folgen.
Georg Simmel: Der Krieg und die geistigen
Entscheidungen. Grundfragen der Soziologie. Vom Wesen des historischen
Verstehens. Der Konflikt der modernen Kultur. Lebensanschauungen. Hrsg. von
Gregor Fitzi und Otthein Rammstedt. Georg-Simmel-Gesamtausgabe, Band 16.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999, 516 S., geb., 58 Mark, br., 38,80 Mark
(Die Rezension ist erschien in: Junge Freiheit. Wochenzeitung für
Politik und Kultur, Berlin, 29.10.1999).