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Neil Postman (1931-2003)
Es hat fast schon etwas von einer Ironie des Schicksals: Der Medienkritiker Neil Postman starb am 5. Oktober 2003 im Alter von 72 Jahren, doch die Medien schenkten dem so gut wie keine Beachtung. Dabei wurde Postman durch seinen Bestseller „Wir amüsieren und zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“ (1988) einem breiten Publikum bekannt. Postman untersuchte die Folgen des Kulturwandels, den die wachsende Bedeutungslosigkeit des Buchdrucks durch die zunehmende Bedeutung neuer Medien erfahren. Postman macht aus, daß die Technik nicht neutral sei, sondern sozialen Wandel mit sich bringe. Das ist eine Erkenntnis, die sich in letzter Zeit in den Sozialwissenschaften immer mehr durchsetzt.
Konkret würden Postman zufolge Nachrichten zur Unterhaltung werden, die Fähigkeit zu lesen nehme ab. Daß darin ein Kulturverfall liegt, mit dem selbst die Universitäten zu Grunde gehen werden, hatten schon Martin Heidegger und Hannah Arendt geäußert. Postman empfiehlt verzweifeltet, auf die Schulen zu setzen, indem sie sich um die Entmythologisierung des Fernsehens bemühen. Kaum ein Buch dürfte sich genau dafür als didaktisch so gelungen erweisen wie dasjenige aus Postmans eigener Feder.
Durch das Internet dürften Postmans Analysen aus dem Jahre 1988 noch aktueller geworden sein, da hierdurch die aufgezeigten Probleme des Bildungsverlustes und Werteverfalls nur noch deutlicher zu Tage treten. Ist es schon eine Kunst, gedruckte Texte richtig zu lesen und zu verstehen, kommt einem im Internet schließlich ein vielfaches an Datenmüll entgegen, weil jeder Kleingeist hier sein Bestes von sich geben kannt. Zwar ist das Internet interaktiver als das TV, aber die Interaktionspartner entpuppen sich nur zu oft als inkompetente Wichtigtuer, die nicht selten im Schutze der Anonymität agieren. Das hätte auch Schopenhauer entsetzt.
Um bei Postman zu bleiben: In einem Interview mit der Hochschulzeitschrift Unicum bekundete Postman vor etwa zehn Jahren einmal, daß ihn die Werke von Günther Anders überaus angesprochen hätten. Auch der Titel „Die Verweigerung der Hörigkeit“ (1988) erinnert noch an Anders, hat dieser doch schon in den 1950er Jahren davon gesprochen, daß Radio und Fernsehen hörig machen – genauer: infantil. Wenn sich Postman gegen diese Hörigkeit auflehnt, sich ihr verweigert, so entspricht das auch einer Andersschen Haltung. Diese Haltung nennt auch Postman eine konservative: „Das Heilmittel gegen eine solche bornierte Philosophie [was neu ist, ist besser, und das Neueste das Beste] ist der Konservativismus.“
1991/1992 wandte sich Postman mit seinem Buch „Das Technopol“ nicht nur gegen den unreflektierten Gebrauch neuer Medien, sondern weitete sie allgemeiner gegen den Glauben aus, die Technik könne unsere Erlösung sein. Postman plädierte statt dessen für eine neue alte Verantwortung, nämlich die Eigenverantwortung. Postman reiht sich mit seinen Schriften in eine Reihe von bekannten Technikkritikern ein, doch eingängig wie er haben nur selten welche geschrieben. Manches mag eben dadurch manchmal etwas zu schematisch, etwas arg zugespitzt daherkommen, doch das spricht nicht gegen Postman, sondern dafür, sich von ihm anregen zu lassen. Seine Aussagen sind gerade aufgrund ihrer Klarheit für den Leser aber nicht nur mitreißend, sondern auch überprüfbar. Da vieles zutreffend ist, scheuen einige vielleicht gerade deshalb seine Lektüre und ihre Rezeption.
Julian Nida-Rümelin scheint Postman jedenfalls Recht zu geben, wenn er erklärt, er vermisse bei strittigen Themen wie bei den möglichen Folgen aus den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York ein ”breites Spektrum von Positionen, die sich die Mühe machen, sorgfältig zu argumentieren. Ich hatte den Eindruck, es geht mehr um Bekenntnisse. Wir haben zu viel Abgrenzung, zu viele Empfindlichkeiten. Eine differenzierte, feingliedrige Diskussion als öffentliche Debatte ist in Deutschland zu schwach ausgeprägt. Vielleicht auch, weil die Medien diese nicht unbedingt fördern.” (Julian Nida-Rümelin, Welt am Sonntag, Nr. 1 (2002), S. 26).
Vielleicht ist es an der Zeit, Postman neben Größen wie Günther Anders oder Arnold Gehlen zu verorten, um ihn über seinen Tod hinaus nicht einfach unbedacht in den Bücherregalen verstauben zu lassen.
(06.03.2004; V. Kempf)
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