Gemäß FAZ vom 25. August 2004 (S. 1) halten drei Viertel der Ostdeutschen und die Hälfte der Westdeutschen den Sozialismus für eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde. Nach einer ZDF-Abstimmung unter Zuschauern vom Dezember 2003 ist dann auch Karl Marx bereits zum drittbesten Deutschen gewählt worden; in den neuen Bundesländern ist er sogar Top. Das ist so erstaunlich wie bedenklich. Denn gerade in den neuen Bundesländern leiden die Menschen noch heute an den Umsetzungsversuchen des Marxschen Denkens am meisten. Die Frage, ob die zig Millionen von Todesopfern und ungezählten politischen Häftlinge desselben Systems vielleicht etwas mit einer schwachen Gesellschaftsanalyse und Absolutheitsansprüchen des Marxismus zu tun haben, scheint bemerkenswert viele nicht ernsthaft zu interessieren. Auf dem Weg zu einer angeblich besseren Gesellschaft sollen gemäß der Marxschen Texte Religion, Rechtsordnung und Privateigentum, sowie Ehe und Familie geopfert werden. Letztlich steht in dem von Marx und Engels verfaßten kommunistischen Manifest klipp und klar: “Sie”, gemeint sind die Kommunisten, “erklären offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen“.
Wo bleibt eine faktenreiche Auseinandersetzung mit Karl Marx in Deutschland, wenn am Ende ein von Menschlichkeit und Klarsicht strahlender Mann gesehen wird, direkt nach Konrad Adenauer und Martin Luther? Das ist auch eine Herausforderung für die Soziologie und ihre Geschichte, da in ihr der Marxismus und Neomarxismus eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. Eine entsprechend kitische Auseinandersetzung mit Karl Marx versucht der Referent bei der Enquete Kommission “Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland”, Konrad Löw, mit seinen Büchern Rotbuch der kommunistischen Ideologie sowie Der Mythos Marx und seine Macher. Wie aus Geschichten Geschichte wird . Als Klassiker einer wissenschaftlich fundierten Kritik am Totalitarismus Marxscher Prägung darf aber Karl Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. (Bd. 2: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen) gelten.