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Soziologische Seiten
von Volker Kempf

Ein Denker aus Liebe zum Verstehen
Zum 50. Todestag von Hans Leisegang

In den 1920er Jahren mußten nicht nur unterschiedlichste politische Strömungen nebeneinander existieren. Auch das philsophische Denken war in unvereinbare Richtungen wie dem Vitalismus, der quer zu einer mechanistischen Weltauffassung liegt, gespalten. Hans Leisegang, 1890 als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren, verfolgte die Entstehung der jeweiligen Denkrichtungen bis in die antike Philosophie zurück, um sie in ihrem Wesen zu verstehen. Daraus ging das Hauptwerk Denkformen (1928) hervor, an das sich das Buch Goethes Denken (1932) anschloß. Denn Goethe war nicht nur Vitalist, der sein Denken an organischen Gebilden ausformte und damit an Grenzen stieß, wo er etwa die Entstehung des Wetters erklären wollte; er war auch in der Lage, fremdes Denken zu verstehen und die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Damit war Goethe für Leisegang der Begründer der Philosophie des Verstehens, die er dann selbst ausformulierte.
Doch bei allem Verständnis für unterschiedlichste Denkbemühungen hatte Leisegang kein Verständnis für ideologische Ausschließlichkeitsansprüche totalitärer Machthaber. Nietzsche etwa verteidigte Leisegang 1934 in öffentlichen Vorträgen gegen die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten und wurde noch im gleichen Jahr unter fadenscheinigen Vorwänden zu einem halben Jahr Gefängnisstrafe verurteilt. Ihm wird in der Urteilsbegründung vorgeworfen, „nicht sozialistisch (!) gesinnt“ zu sein. Seinen Professorentitel mußte der christlich-humanistische Denker, der von 1930 bis 1934 in Jena lehrte, zudem ablegen. Notgedrungen studierte Leisegang ab 1935 Physik, promovierte in diesem Fach sogar, um nach dem Krieg wieder in Jena Philosophie zu lehren. Doch Leisegang wurde nur zögerlich von den sowjetischen Machthabern wieder auf einen Lehrstuhl berufen, was bereits ein schlechtes Omen war. Der Gesinnungsterror von ideologisch verbohrten Kleingeistern folgte erneut. Leisegang, seinerzeit international bekannt, kam zwar nicht wieder ins Gefängnis, dafür aber ein Thüringer Zeitungsverleger, der es 1948 wagte, einen Beitrag des Jenaer Gelehrten abzudrucken.
Den Sowjetkommunisten und SED-Kadern fiel es nicht leicht, den bereits von den Nationalsozialisten verfolgten Leisegang vom Dienst zu suspendieren, nur weil er die kommunistische Doktrin nicht als ausschließliche Grundlage für die Gesellschaftslehre anerkennen wollte. Leisegang war eine Kristallisationsfigur für die Freiheit von Forschung und Lehre. Eine überwältigende Mehrheit seiner Studenten sprach sich offen für eine Resolution gegen die Verleumdung Leisegangs in der bereits SED-konformen Presse aus. Wer nicht auf Parteilinie war, wurde nämlich rasch als undemokratisch und fortschrittsfeindlich bekämpft. Sogar studentische SED-Mitglieder stimmten, was ein Wagnis war, zahlreich für die Resolution. Dies gelang Leisegang, weil er vor den versammelten Studenten beeindruckend erklärt hatte, daß ein Mann wie er nicht schweigen werde; und wenn das den Parteioberen nicht passe, bliebe ihnen nur, „in die alten Konsequenzen zu verfallen, KZ und so weiter.“
Leisegang mußte sich in Jena bald geschlagen geben. Ende Oktober 1948 erfolgte der Entzug der Lehrerlaubnis. So wechselte Leisegang zu der im Herbst 1948 gegründeten Freien Universität Berlin; dort sollte er ursprünglich erster Rektor werden, lehnte aber zur gegebenen Zeit aus Treue zu seinen Studenten in Jena ab. Den Begriff der Freien Universität prägte Leisegang entscheidend mit, ehe er am 5. April 1951, also vor 50 Jahren, plötzlich einem Herzanfall erlag. Revolutionen aus Klassen- oder Rassenhaß stellte er seine christlich-humanistische Revolution aus Liebe gegenüber. Denn „zum Verstehen gehört Liebe“ (Hans Leisegang). (V. Kempf, 2001)

  

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