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von Volker Kempf

Was bedeutet Konservativsein heute? / Von Volker Kempf

 

Was konservativ ist und was nicht, war in der bipolaren Welt des Kalten Krieges eine klare Sache. Auf der einen Seite waren die sich für progressiv haltenden Sozialisten, auf der anderen die ewiggestrigen Konservativen. Die einen waren gottlos. Nur die Zeitrechnung erinnerte noch an die Geburt Jesu. Um nicht all zu abstrakt zu werden, was das bedeutete, lese man die Erinnerungen von Sergei Kourdakov „Vergib mir Natascha“ – ein Kultbuch unter den Rußland- und Volgadeutschen. Sergeis Vater war ein ranghoher Offizier unter Stalin und wurde, als Nikita Sergejwitsch Chruschtschow an die Macht kam eines Nachts abgeholt und erschossen. Sergeis Mutter starb einige Wochen später an gebrochenem Herzen. Sergei selbst, damals gerade vier Jahre alt, wurde Straßenwaise und kam dann in ein Heim. Der neue Onkel heiße nun Lenin, sein Bild hing an der Wand. Herangezogen wurden in solchen Heimen Jungs, die mit allem aufräumten, was dem System mißfiel. Sergei wurde in Sonderkommandos im Kampf gegen die Ausbreitung des Christentums eingesetzt, erschlug mit seinen Mannen Mädchen, Alte, Männer, Kinder grün und blau, manchmal auch tot. Bis Sergei anfing nachzudenken, warum diese Menschen sich teilweise mehrfach brutal zusammenschlagen ließen. Er las die handschriftlich weitergegebenen Bibeltexte, die er verbrennen sollte und wurde selbst gläubig. Eine spektakuläre Flucht von einem russischen Schiff durch das Meer nahe Kanadas führte Sergei in den Westen, der dort später noch erschossen wurde – zuvor erhielt er auf offener Straße in russischer Sprache Todesdrohungen, nicht mehr im Radio über die Christenverfolgung in Rußland zu berichten.

Die wahre Geschichte wirft ein Licht darauf, was es heißt, Traditionen nicht nur abreißen zu lassen, sondern sie bewußt zu zerstören. Was bleibt ist der freie Fall in den Nihilismus. Selbst die obersten Funktionäre profitierten davon nur bedingt, sie verfielen, wie Sergei Kourdakov in diesen Kreisen zum Zaungast geworden beobachten konnte, dem totalen Suff. Ein solches System kann nur scheitern, an sich selbst. Aber so leicht gibt niemand freiwillig auf. Als letzte Wunderwaffe blieb nach 1989 noch immer der Antifaschismus. Hier liegt der Grund, weshalb nach dem Ende des Ostblocks nicht etwa die Besinnung auf das konservative Denken zu einer neuen Selbstverständlichkeit wurde, sondern zu einem großen Feindbild aufgebauscht wurde. Der Kalte Krieg wird damit zum Bürgerkrieg. Die einen sind die Anständigen, die anderen die Unanständigen. Die bösen Rechten lauern hiernach überall, die Erlösung kommt hingegen von den Antifaschisten. Eine Anti-Haltung ist noch kein Rezept, aber eine Strategie, die Rezepte der anderen zu bekämpfen. Was als Rezept hinter dieser Anti-Haltung bleibt, ist der alte Wein, den bösen Reichen möglichst viel wegzunehmen und umzuverteilen, bis es nichts mehr umzuverteilen gibt. Dieses Denken hatte auch im Westen einige „Erfolge“ gefeiert und sitzt heute der SPD im Nacken. Um so wichtiger das wohlige Gemeinschaftsdenken. Im Gesinnungskampf gegen die bösen Faschisten, heute die bösen Rechten genannt, darf das Gefühl aufkommen, zu den Guten zu gehören, die die anderen belehren und betreuen müssen. Nichts ist nötiger als dieser Selbstgerechtigkeit mit Erfahrung zu begegnen, das heißt Grenzen anzuzeigen. Das erfordert ein Selbstbewußtsein, an dem es so oft mangelt, weil der Opportunismus regiert.

Die Vergewaltigung der Einzelnen oder ganzer Gruppen aus Gesinnung hat sich aus dem totalitären 20. Jahrhundert überlebt. Karrieren werden zerstört, wobei der kürzlich in der Jungen Freiheit geschilderte Fall eines Professoren an der Universität Konstanz, gegen den eine Anti-Rechtskampagne läuft und auf die Universitätsleitung als Schutz nicht zählen darf, nur die Spitze eines Eisberges darstellt. Die Unis waren schon Ende der 1960er Jahre in der unrühmlichen Rolle, dem Gesinnungsterror Flügel zu verleihen. Heute sind die Hochschulen als geistige Tiefflieger wieder mit dabei, Journalisten auf ihren Plätzen.

Der Marsch durch die Institutionen hinterläßt eben seine Spuren und sorgt für eine neue Gründlichkeit. Springerpresse ist ein Name, auf den heute nicht mehr zu zählen ist. Wo lauert der Nazi, wo der Rechte, das ist die neue und doch alt bekannte Verdächtigungsformel. Über den ein Verdacht ausgesprochen ist, über den ist das Urteil schon gefällt. Die beste Waffe, diesen Gesinnungsschnüfflern zu begegnen ist es, sie in Gespräche zu verwickeln, in denen sie sich selbst nur die Blöße geben können. Genau diese Gespräche werden von diesen selbsternannten Antifaschisten aber gemiedene, wie der Teufel das Weihwasser meidet. Denn hier lauert eine offene Flanke. Auf einer Augenhöhe, da könnte man schließlich argumentativ unterliegen, wird instinktiv bemerkt. Die Arroganz der „besseren“ und sogar einzig wahren Gesinnung, die gilt es im Kampf gegen die Konservativen zu behaupten. Das nennt man dann eine Hegemonialposition. Und das ist das Erstaunliche, daß es nach dem real untergegangenen Sozialismus unter der Fahne des Antifaschismus gelungen ist, eine Hegemonialposition zu gewinnen.

Wie konnte das passieren? Doch nur dadurch, daß in der Bundesrepublik Deutschland die Antifaschismusmasche ohnehin schon breite Anwendung fand. Das war beim Sturz Hans Filbingers schon der Fall. Man könnte das noch entschuldigen, da Filbinger als Marinerichter zu erfassen eine sehr diffizile Angelegenheit war, bei der die Kunst der Unterscheidung auch ohne viel bösen Willen leicht auf der Strecke bleiben konnte. Doch viele weitere Namen sollten folgen, die die Ketzer von heute sind: Martin Hohmann, Ernst Nolte, Philipp Jenninger und viele andere mehr. Ketzer waren oft gerade die hellsten Köpfe. Wer mit Argumenten nicht mehr Andersdenkenden beikommt, muß sie eben verketzern, heute also mit dem Stigma des Rechtsextremismus behaften, wobei mit Rechts schon dasselbe gemeint ist, so daß fast alles unterschiedslos miteinander vermengt wird. Das soll den maximalen Effekt bringen, vor dem sich fast niemand mehr in Sicherheit wiegen darf, der sich nicht gerade in Linientreue übt. Die Empörung muß diesen Antifaschismusstrategen gelten, nur so kann deren moralische Pseudoüberlegenheit gebrochen werden.

Die Vergewaltigung des Einzelnen aus Gesinnung ist als eine Fortschreibung der Schreckensbilanz des 20. Jahrhunderts zu lesen. Andere Konflikte wurden vom Ost-West-Gegensatz hingegen überdeckt und werden erst heute breiteren Schichten deutlich. Gemeint ist hier die ökologische Frage. Hierzu setzte schon in der Bundesrepublik Deutschland der 1970er Jahre ein Tauziehen um die Besetzung des Themas ein. Die CDU war längst zur Lobbyistenpartei geworden und blieb auf Abstand. Daß „grüne“ Ansätze im CDU-Milieu zu Hause waren, nämlich bei Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard oder Alexander Rüstow, war ein Fundus, aus dem in der CDU Herbert Gruhl schöpfen konnte, der aber innerparteilich kaltgestellt wurde. Das war der Anfang der geistigen Auszehrung der CDU unter Helmut Kohl. Die Grünen übernahmen das Thema und setzten auf andere Traditionslinien. Erhard Eppler versuchte in der SPD mit der Ökologiethematik zwar mit wenig innerparteilichem Rückenwind, aber dennoch mit einigem Erfolg, Wasser auf die Mühlen eines „demokratischen Sozialismus“ zu leiten. Das Ergebnis ist, daß das Thema Ökologie heute von links besetzt ist. Das bedeutet nicht nur, daß ökologische Fragen wie der Klimawandel als Moralkeule eingesetzt werden, sondern auch die Gegenreaktionen nicht minder selbstgerecht und moralisierend ausfallen. Wer sich in eine Anti-Haltung begibt, läuft Gefahr, an das gebunden zu bleiben, wogegen er ist.

Ein Blick weiter zurück in das 20. Jahrhundert zeigt, daß der Schutz von Tieren und Landschaften so neu nicht ist und auch nicht eine Erfindung von Linken. Man erinnere sich an Ludwig Klages, der 1913 auf dem Hohen Meißner dem blinden Fortschrittsdenken widersprach. Die Zerstörung von Heimat und die Mißachtung der Wildnis sei eine Gefahr. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das als Romantik abgetan, die Selbstbehauptung Deutschlands durch Fortschritt als der Weisheit letzter Schluß ausgegeben, auch von vielen, die auf dem Hohen Meißner mit dabei waren und dort teilweise noch selbst Reden hielten.

So weit weg von der Gegenwart ist das nicht. Denn der reine Ökonomismus wird heute nicht minder als der Weisheit letzter Schluß gefeiert, als letztes Mittel gegen den Untergang. Konservativ ist das nicht. Es ist vielmehr das Spiegelbild des Sozialismus, der ebenfalls materialistisch ist. Martin Heidegger hat auf diesen Punkt immer wieder aufmerksam gemacht. Geistesgeschichtlich sah Heidegger, daß das Bemächtigungsdenken seit René Descartes sich Bahn gebrochen hat. Nur noch ein Gott könne uns retten, lautet Heideggers letzte Botschaft in einem posthum veröffentlichten Spiegel-Gespräch.

Der Konservatismus sieht sich damit zwei Fronten gegenüber, einmal den materialistischen Sozialisten und den materialistischen Ökonomisten, den sogenannten Wirtschaftsliberalen. „Gott ist tot“ (Nietzsche) heißt hier, den Menschen zum Schöpfer zu erklären, zum Wertschöpfer, wie es in der ökonomischen Theorie heißt. Verkannt wird, daß der Mensch nur wenig schöpft, sondern das Meiste von ihm in der Natur schon vorgefunden und nur weiterverarbeitet wird. Hinter dem, was in der Natur vorfindbar ist, steckt etwas, das größer ist als das, was sich von einem Menschengehirn fassen ließe.

Der Kindermund macht das deutlich: Kinder, die lieben Spielsachen, gewiß. Also ab in den Spielwarenladen und Lieblingsspielsachen einkaufen. Die Kinderzimmer von heute sind entsprechend voll von Spielwaren. Auch ein Besuch bei Oma und Opa kommt gut an. Aber was war am besten an den letzten Fastnachtsferien? Ein auf der Rückfahrt gesichteter Fuchs auf weiter Flur. Die bunte Warenwelt in allen Ehren, zu der es der Sozialismus nie geschafft hat. Aber die Fixierung hierauf, ist der Weisheit letzter Schluß nicht, der Sieg des Wirtschaftsliberalismus über den Sozialismus damit auch nicht.

Es ist ein Manko, der sich oft selbst für konservativ haltenden Zeitgenossen, das konservative Thema der Bewahrung der Natur – oder christlicher: der Schöpfung – denjenigen zu überlassen, die mit ihrer Emanzipation auf die Naturausbeutung setzen. Nicht Emanzipation lautet das Zauberwort der Konservativen, sondern Bescheidenheit und Respekt vor der Schöpfung. Das ist der Schwachpunkt all derer, die in den 1960er Jahren den Kampf gegen den Naturalismus führten, um vor der repressiven kapitalistischen Gesellschaft zu warnen und nichts sehnsüchtiger feierten als den Sieg über die Natur zur Vollendung eines Paradieses auf Erden. Schaut man sich die Wortführer der heutigen „grünen“ Bewegung an, so sind sie von diesem Geist eingenommen. Als eine Blüte dessen darf der Widerspruch gelten, einerseits Bäume oder Frösche schützen zu wollen, aber die Schwächsten der Gesellschaft, die Ungeborenen, der Emanzipation zu opfern. Daß die Frauen, die abtreiben, darunter später oft selbst leiden, paßt nicht ins ach so emanzipatorische Weltbild. Wer solche Widersprüchen meiden will, wird Heidegger näher stehen als Adorno. Das haben Fischer & Co nur nie begriffen, Ludger Volmer in seinem neuen Buch über Die Grünen auch nicht. Denn auch Volmer beschwört lieber den guten alten Antifaschismus, freudig darüber, konservative Ökologen – also „Öko-Faschisten“ – los zu haben. Daß das Magazin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Volmers Buch positiv bespricht und nur die übliche Eitelkeit von Politikern kritisiert, läßt tief blicken. Das ist die heutige Ausgangslage, die verständlich macht, daß viele in der politischen Ökologie nur noch Sozialismus erblicken. Aber das übernimmt nur die Sichtweise der grün angehauchten Sozialisten, ein Gefallen, den man ihnen nicht machen sollte. Noch einen Gefallen sollte man den selbsternannten Antifaschisten nicht machen, ihnen den Antifaschismus als einen solchen abzunehmen. Denn es handelt sich um einen Linksfaschismus, also um etwas, das in dem befangen bleibt, wogegen er sich in seiner Antihaltung zu richten meint. Der Konservative, der läßt es sich nicht nehmen, den Finger in solche Wunden zu legen – oder er ordnet sich der Hegemonie derer unter, die ihn bekämpfen. 

(März 2010)

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