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Soziologische Seiten
von Volker Kempf

Karl Otto Hondrich: Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für die Gesellschaft ist. Frankfurt/New York: Campus, 280 Seiten, 19,90 Euro; (ISBN 978-3-593-38270-8)

Ökologen können einer niedrigen Geburtenrate viel abgewinnen, weil mit ihr verbunden die materiellen Lebensgrundlagen von Gesellschaften geschont werden. Aber das ist eine sozioexterne Wahrnehmung. Soziointern betrachtet herrscht angesichts einer Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau in Deutschland allerorten Alarmstimmung: Eine solche Gesellschaft könne keine Zukunft haben. Nun kommt mit dem 2007 verstorbenen Karl Otto Hondrich auch ein Soziologe zu der Erkenntnis: „Weniger sind mehr“. Denn der säkulare Rückgang der Geburtenrate seit dem 19. Jahrhundert stehe in Verbindung mit einer Reihe von Entwicklungen, die nur positiv gesehen werden könnten. Dazu gehören Hygiene, Medizin, Wissenschaft, Armutsbekämpfung, soziale Sicherheit, private Freiheit und individuelle Lebenserwartung. Der Fortschritt in diesen Gebieten beschleunige sich, obwohl die Geburtenrate in allen Industriegesellschaften unter die magische Ziffer 2,1 gesunken sei. Also profitieren moderne Gesellschaften von den Kindern, die nicht geboren werden, folgert Hondrich. Die Wirtschaft habe die Kinder als Konsumenten entdeckt und entzückt sich an den Milliardenbeträgen, die sie für elektronische Spielgeräte usw. ausgeben. Aber Kinder, so gibt Hondrich zu bedenken, haben kein eigenes Einkommen. Ihre Nachfrage wird vom Einkommen der Eltern, Geschwister und Großeltern abgezweigt. Als Arbeitskräfte seien sie irrelevant – denn Kinderarbeit gibt es nicht mehr. Die Wirtschaft sei erst an ihnen interessiert, wenn sie noch jung, aber bereits gut ausgebildet seien. Die Wirtschaft, besonders die international orientierte, sei an einem offenen Arbeitsmarkt mit vielen potentiellen Bewerbern interessiert. Alles andere sei Sozialromantik.

Ab 2010, wenn infolge der geburtenschwachen Jahrgänge das Arbeitsangebot an arbeitssuchenden jungen Leuten kleiner werde, werde die Wirtschaft wohl noch mehr Frauen an sich zu ziehen versuchen. Ihre Integrationskosten seien geringer als die von Zuwanderern, ihre Neigungen zu modernen Dienstleistungsberufen und ihre soziale und zeitliche Anpassungsfähigkeit überträfen die der Männer. Voraussetzung für all dies sei allerdings, daß sie keine Kinder haben. Kinderlosigkeit nehme zu, aber die Zwei-Kind-Familie bleibe als dominierendes Familienmodell präsent. Die Familie sterbe also nicht aus. Wenn Kinder zur Welt kämen, dann würden sie ihrer Beanspruchung der Mutter mit der Wirtschaft konkurrieren. Und in der Regel gewönnen sie den Kampf. Im deutschsprachigen Raum ziehen sich Frauen meist auf halbe Stellen oder ganz aus dem Berufleben zurück, wenn sie ein Kind bekommen, erst recht, wenn noch weitere Kinder folgen. Der Leitwert der Mutterliebe gebietet es. Trotz aller feministischer Gegenreden habe sich dies über Jahrzehnte nicht wesentlich geändert. Ursula von der Leyen allerdings ist bemüht, mittels Anreizen Frauen nicht mehr wie früher drei, sondern nur noch ein Jahr vom Arbeitsplatz freizustellen, sobald sie ein Kind bekommen.

Aber dennoch: Die hohe Produktivität der Arbeit habe unter anderem eine niedrige Geburtenrate zur Voraussetzung. Als der Osten Deutschlands durch die Wiedervereinigung auf ein hohes Produktivitätsniveau gehoben wurde, sackte die Geburtenrate schlagartig ab. Die dynamischsten Volkswirtschaften

der Welt hätten die niedrigsten Geburtenraten. Während der Fall der Geburtenrate für die Wirtschaft eher eine Lösung als ein Problem darstelle, stelle er die Systeme der sozialen Sicherung vor große Schwierigkeiten. „Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte versorgen“, lautet das gängige Argument. Das sei aber schon im Ansatz verkehrt. Die Last der Kranken- und Altersversorgung tragen nicht die Jungen, sondern die mittleren Jahrgänge. Wenn die Geburtenrate weiter steigen würde, hätten sie nicht nur mehr Alte zu versorgen, sondern auch mehr Junge.

Überall auf der Welt stellt sich der Reproduktions-Modus rapide um: Von vielen, riskanten und kurzen auf wenige, sicherere und längere Lebensläufe. In diesem evolutionären Prozeß sei die Arbeitsteilung zwischen reproduktiv- kinderreichen und produktiv-kinderarmen Kulturen, die heute als Migration sowohl Probleme schafft als auch löst, womöglich nur eine Episode für eine Übergangszeit von 50 bis 100 Jahren.

„Weniger sind mehr“ heißt für Hondrich aber auch: Die Familie wird familialer, d.h. sie konzentriert sich auf Liebe und emotionalen Halt, während andere Funktionen zurücktreten oder vom System der sozialen Sicherung übernommen werden. Daß enttäuschte Liebe und damit Scheidung die andere Seite der Entwicklung ist, liegt in der Logik der Dialektik begründet. Spannend ist in Hondrichs Buch die abschließende Erörterung von Bestrebungen, die Geburtenrate zu erhöhen, wie sie in einigen Ländern wie Frankreich und Skandinavien Erfolge zeitigte. Aber auch hier gelte: „Weniger sind mehr“. Denn die Freistellung von Frauen für den Arbeitsmarkt in Verbindung mit Modellen frühkindlicher Kollektiverziehung bringe viele qualitative Probleme mit sich. Das werden Kritiker wie Christa Meves teilen können, allerdings kann Hondrich damit nicht das Versprechen einer höheren Geburtenrate verbinden. Mehr auf Qualität zu setzen bedeutet also weniger Geburten. In diesem Sinne sind weniger mehr. (V. Kempf, in: Naturkonservativ. 2008/2009, S. 148-150)

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