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Diktaturen gab es auf deutschem Boden zwei, einmal den Nationalsozialismus, dann auch den Kommunismus. Letztere Diktatur wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone (ab Oktober 1949 dann DDR) installiert und bestand bis 1989. Ein Buch, das wahre Opfergeschichten von Frauen darstellt, bespricht nachstehend der Politologe Edgar Guhde*.
Gastbeitrag zu:
Annerose Matz-Donath: Die Spur der roten Sphinx. Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen. S. Bublies, Schnellbach 2000, 524 Seiten, Abbildungen, geb., 25 Euro.
Der Chef der sowjetischen Sicherheitsbehörde NKWD war in der sowjetischen Besatzungszone, die bis zur Gründung der DDR im Oktober 1949 bestand, General Serow. Er und die ihm Untergebenen des NKWD scheuten kein Mittel, auch nicht den Terror, um zu unterstreichen, wie wichtig und notwendig sie in der sowjetischen Besatzungszone seien. "Feinde", "Saboteure", "Spione" mußten gefunden und verhaftet werden, je mehr, desto besser. Auf Tatsachen und Beweise kam es nicht an. Wie aus der Sowjetunion gewohnt, war das Plansoll der Festnahmen zu erfüllen. Diesem irrsinnigen Plansoll nicht genug, sollte auch so viel Angst und Schrecken in der Bevölkerung und vor allem in politischen Institutionen verbreitet werden, daß sich die Kommunisten ohne Widerstand an die Macht setzen konnten. Dies gelang dem NKWD perfekt, so daß es wunschgemäß die Macht der MfS, also dem Ministerium für Staatssicherheit (kurz "Stasi" genannt) zur Machtausübung in der DDR übergeben konnte. Und so gab es in den Nachkriegsjahren der SBZ (bis Oktober 1949) und der DDR (ab Oktober 1949) keinen Ort, in dem nicht Menschen verhaftet und Opfer einer Willkürjustiz wurden. Darunter waren mindestens 1.300 Frauen, die von den sowjetischen Militärtribunalen (SMT) zu 10, meistens 25 Jahren Zwangsarbeits-Straflager verurteilt wurden, etliche auch zum Tode. Es gab kein Urteil, das nicht schon vor der Farce der Gerichtsprozedur, die diesen Namen nicht verdient, feststand. Die später, nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus als "zu Unrecht verurteilt" von der russischen Militärgeneralstaatsanwaltschaft rehabilitierten Frauen mußten also schlimmste Demütigungen und Qualen durchleiden. Eine davon ist Annerose Matz-Donath; sie selbst war 12 Jahre inhaftiert gewesen, sich selbst und andere noch lebende Kameradinnen unterzog sie der schmerzlichen Erinnerungsarbeit. Ausführliche Interviews lassen die Zeit jener Betroffenen aufleben und geben damit ein wichtiges Dokument der sowjetkommunistischen Schreckensherrschaft ab, die in der DDR eine Entsprechung fand. Auf der Grundlage von rund 10.000 Seiten Gesprächsprotokollen entstand ein Buch mit Berichten über die brutalen Verhaftungen mit den verlassenen, zurückbleibenden Kindern. Die betroffenen Frauen berichten von schwersten Mißhandlungen, nächtlichen Verhören, dem Überleben in Kalt- und Wasserzellen, den Liegeverboten in den stets überfüllten Zellen am Tage (5 Personen in höchstens 6 qm). Damit nicht genug, kommen seltene Waschgelegenheiten und Hunger ebenso hinzu wie der Anblick von Erschlagenen im Nebenraum als Beispiel für das, was auch ihr geschehen konnte, wenn sie nicht geständig werden sollte.
Doch was sollte gestanden werden? Der Anlaß für all diese Martyrien, waren meist so harmlose Dinge wie die Bekanntschaft mit einem Engländer, eine unterlassene Denunziation oder die Verweigerung von Spitzeldiensten, vielleicht auch ein weitererzählter Witz usw. Auf solch einer Grundlage konnte natürlich keine der Frauen ein Unrechtsbewußtsein haben; die Verhaftungen kamen für sie auch wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eine Frau weiß etwa zu berichten: "Es war ein fürchterlicher Schock. Ich habe überhaupt nichts denken können. Ich
wußte ja auch gar nicht, was eigentlich los war - warum sie mich geholt hatten und was sie wissen wollten. So saß ich dann erst mal ein paar Tage ganz allein und im Ungewissen blieb, bis ich dann zu irgend so einer Vernehmung gerufen wurde."
Nur ein einziger Gedanke durchbrach von Zeit zu Zeit - so berichten viele aus ihrer Gefangenschaft - die dumpfe Lähmung an Seele und Geist: die verzweifelte Hoffnung, bei der Verhaftung müsse wohl ein Irrtum, eine Verwechslung im Spiel gewesen sein. Bis 1950 keine Nachricht nach draußen, dann bis zur Inhaltslosigkeit zensierte 20 Zeilen im Monat. Damit war, wer "abgeholt" worden war, für die draußen quasi tot.
Eine damals 20jährige erinnert sich: "Es war alles so fürchterlich eng. Denn wir haben in einer Zelle, wo normal zwölf Frauen hätten drin sein sollen, zu achtzig gelegen. Wenn wir uns im Schlaf gedreht haben oder uns drehen wollten, mußten alle mit. Toilette war ja drin in unserer Zelle. Aber so eng, so eng! Und so verwanzt! Und - das war das Schlimme - es sind sehr, sehr viele da gestorben. Ich lag ja dann auch auf `Himmelfahrts-Station`, wie man so sagte. Denn das Essen war sehr, sehr schlecht. Und kaum frische Luft in der Zelle - durch die hohen Holzblenden vor den Fenstern - und kein Strahl Sonne." Die Mentalität der Bewacher geht aus einer anderen Erinnerung hervor: "Eines Tages hat der Posten zu uns gesagt: ‚Wenn befohlen, dann ich dich kaputt!' Er sagte auch noch, wenn Stalin befiehlt, daß er seine Mutter erschießen soll, dann erschießt er auch seine Mutter. Wir dachten, was haben dann wir zu erwarten?" Nur sehr wenige Bewacher gab es, die Mitleid erkennen ließen. Was die Überlebenden nach Jahren des körperlichen und seelischen Leidens, der täglichen Demütigungen später, meist erst nach 1989, im Westen erwartete? Unverständnis, Ungläubigkeit, Desinteresse, Kälte - oft bei den eigenen Kindern ("Warum hast du uns das angetan? Ohne Grund wird niemand verurteilt").
Eine Erklärung, warum die meisten vom roten Terror im Osten nichts wußten oder wissen wollten, beschäftigt die Autorin: "Als sich am Ende des Zweiten Weltkriegs die Tore der Nazi-KZs Sachsenhausen und Buchenwald öffneten, waren Fotografen zur Stelle. Sie hielten für alle Zeiten das unsägliche Elend fest, das sich ihren Augen bot. Solche Bilder schreien. Sie sagen mehr, als Worte je ausdrücken können. Aber vom elenden Leben und Sterben derer, die das NKWD danach in die gleichen KZs verbannte, zeugt kein einziges Bilddokument. Wie auch? Als endlich, 1989, das Regime der DDR zusammengebrochen war, hatte es viele Jahre Zeit gehabt, alle Spuren der frühen kommunistischen Schande verschwinden zu lassen. Auf den Massengräbern, unkenntlich gemacht, grünten neue Wälder." Diese Ignoranz und Gleichgültigkeit trifft die Interviewten Opfer des Sowjetkommunismus bzw. der DDR gleichermaßen - auch der Rezensent, selbst politischer Häftling des SED-Regimes in den fünfziger und sechziger Jahren, hat dies bis heute fast durchgängig schmerzhaft erfahren. Angesichts der Dokumentation dieser so wenig beachteten Erfahrungen mit dem sowjetkommunistischen System auf deutschem Boden ist es schwer, Worte der Kritik zu finden. Warum auch? In der formalen Gestaltung ist das Buch eine ausgewogene Mischung von Wiedergaben aus den Interviews und verbindendem, erläuterndem eigenem Text der Verfasserin. Der Untertitel „Deutsche Frauen vor sowjetischen Militärtribunalen“ allerdings faßt die Thematik etwas enger, als sie eigentlich ist, sind doch auch die Umstände der Verhaftung und die Jahre der Haft Gegenstand des Buches, nicht nur die Verurteilungsprozedur der Tribunale. Ein ausführliches Vorwort wäre zudem für all die Leser hilfreich gewesen, die den zeitgeschichtlichen Rahmen und Zusammenhang nicht hinreichend kennen. Darin hätten die politischen Verhältnisse, in denen seit Mai 1945 in der sowjetischen Besatzungszone eine zweite Diktatur entstand, den Lesern näher gebracht werden können, die mit der Materie weniger betraut sind. Dem unbedarften nachdenklichen Leser drängt sich schließlich die Frage auf: "Wie konnte das geschehen und warum?“ bzw. „Warum ist davon so wenig bekannt, wo doch über die vorangegangene Diktatur täglich berichtet wird?"
*Edgar Guhde, geb. 1936, ist Politologe und Bibliothekar; in den Jahren 1957-63 politische Gefangenschaft in der DDR
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