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Brisante Soziologie - Erwin K. Scheuchs
Von Volker Kempf
Erwin K. Scheuch wurde einem breiten Publikum als Streiter für die Abwehr wachsender Verfilzung in politischen Parteien bekannt. Dazu trug vor allem sein 1992 zusammen mit Ute Scheuch vorgelegtes Buch Cliquen, Klüngel und Karrieren bei, in dem das Innenleben politischer Parteien in Köln offengelegt wurde. Eigentlich sollte nur ein Abschnitt über den „Kölschen Klüngel“ in ein Gutachten für die Wirtschaftsvereinigung in der CDU eingefügt werden, da diese einen mangelnden wirtschaftlichen Sachverstand innerhalb der Union beklagte und dafür eine Erklärung suchte. Das führte zum Aufdecken lokaler Skandale. Kölner Politiker reagierten alarmiert, wollten die Studie keinesfalls veröffentlicht wissen, womit sie um so interessanter und letztlich zu einem Bestseller wurde.
Das genannte Buch weist viel journalistische Recherchearbeit auf. Auch ist die sprachliche Form mehr journalistisch als soziologisch abstrakt. Das kommt nicht von ungefähr. Denn biographisch gesehen mußte es nicht Soziologie sein, was Erwin K. Scheuch betrieb, es hatte auch Qualitätsjournalismus nach dem Vorbild Peter Scholl-Latours sein dürfen, wie Ute Scheuch in ihrer Biographie unter dem Titel Erwin K. Scheuch. Es mußte nicht Soziologie sein, aber es war besser so (Ulm/Bad Schussenried, 2008, 448 Seiten) nachzeichnet.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Erwin K. Scheuch legte sich in den 1950er Jahren immer mehr auf eine wissenschaftliche Karriere fest. Als Wissenschaftler konnte es Erwin K. Scheuch auch 1992 primär nur um die systematische Offenlegung von Mängeln in unserem real existierenden demokratischen System gehen. Das erforderte die Herausarbeitung von zu ändernden Spielregeln, nicht journalistische Aufgeregtheiten. An diesem Punkt blieb Erwin K. Scheuch der Soziologie verpflichtet – und auch hier gilt: „es war besser so“.
Hält man sich weiter an die Biographie über Erwin K. Scheuch, so erstaunt, daß er schon Anfang der 1960er Jahre in den USA Gemeinde- und Elitestudien durchführte, dabei Machtstrukturen herausarbeitete und deren Brisanz erkannte: „Wissen Sie einen guten Chinesischen Verlag für ein Buch über Machtstrukturen in Camebridge?“, schrieb er 1964 an René König. Erwin K. Scheuch ist seinen frühen wissenschaftlichen Arbeiten also nur mehr verbunden geblieben, wenn er in den 1990er Jahren Machtstrukturen im politischen System untersuchte, aus denen Titel hervorgingen wie jener aus dem Jahre 1992 oder später Bürokraten in den Chefetagen und Die Spendenkrise – Parteien außer Kontrolle.
Erwin K. Scheuch hatte ein Gespür für Konfliktalgen der Zeit, die auch nach mehreren Jahren noch die unsere sind. So waren Erwin K. Scheuch „Rudeljagden“, wie sie von linksintellektuellen Stichwortgebern in der Literatur losgetreten werden bekannt und ihm ein Spiegelbild gesellschaftlicher Intoleranz. Mit Blick auf ein solches, von einem totalitären Geist getragenes Kesseltreiben hatte Erwin K. Scheuch 1999 in einer Abhandlung für eine Festschrift zum 60. Geburtstag Robert Schweizers deutlich gemacht, man müsse ihre Protagonisten „verbellen“.
Das klingt nach einem scharfen Widersacher. Betrachtet man anhand der vorliegenden Biographie die Kindheit Erwin K. Scheuchs, so fällt diese in die Zeit des Nationalsozialismus. Dieser hatte im katholisch geprägten Köln – an den Wahlergebnissen vor der Machtergreifung Hitlers gemessen – einen relativ schweren Stand. Mit den Scheuchs hatte es sogar die Gestapo schwer, insofern Erwin K. Scheuchs Mutter sie mit einem hysterischen Anfall „verbellte“, als ihr Mann abgeführt werden sollte. Die Gestapo zog unverrichteter Dinge davon. In der Tat, hätte Erwin K. Scheuchs Mutter höflich Kritik geübt, ihr Mann wäre abgeführt worden. Daß sich daraus sogar eine soziologische Regel ableiten ließ, sei hier nur angemerkt. Entscheidend ist an dieser Stelle, daß durch solche Hintergrundberichte Erwin K. Scheuchs unbeugsame Haltung gegenüber jedweden totalitären Bestrebungen einsichtiger wird.
Erwin K. Scheuch darf als Widersacher der Frankfurter Schule gelten. Er entgegnete Theodor W. Adorno 1965, daß Sozialforschung nicht nur „bloß Selbstbespiegelung herrschender Verhältnisse“ sein müsse, sondern recht betrieben sozialen Wandel auch begünstige. Das ist meist zwar die Ausnahme, trifft aber auf Erwin K. Scheuchs eigene Arbeiten zu. Da dem so ist, kann Peter Atteslander im Nachwort zu der von Ute Scheuch vorgelegten Biographie schreiben: „Scheuch fehlt als wissenschaftlicher Sparringpartner von Politik und Öffentlichkeit.“
Auf den letzten Seiten der Biographie über Erwin K. Scheuch ist dessen Antrittsvorlesung 1965 in Harvard dargelegt. Diese Vorlesung scheint Helmut Schelskys „Priesterherrschaft der Intellektuellen“ vorwegzunehmen, nämlich die Kritik an einer Intelligenz, die zwar beansprucht, Aussagen über die Gesellschaft zu treffen, aber ihren Umgang mit Forschung nicht rationalisiere. Mit dieser Art von Intelligenz geriet Scheuch im „roten Jahrzehnt“ in einen offenen Konflikt. Von Ute Scheuch wird in ihrem Buch Erwin K. Sheuch im roten Jahrzehnt (E. Ferger Verlag 12/2008) detailliert dargelegt, wie nicht nur eine offene Spaltung zwischen den sogenannten Schulen aufbrach, sondern unter der Studentenschaft auch linksextreme politische Gruppen ihre Kampagnen gegen Scheuch als einen Vertreter einer als bürgerlich geltenden Soziologie lancierten. Dabei wurde der Wissenschaftsbetrieb teilweise lahmlegt, den zu Grunde liegenden Heilslehren aber mit der folgenden Gründung des “Bund Freiheit der Wissenschaft” im Herbst 1970 auch organisatorisch etwas entgegengesetzt.
Erwin K. Scheuch hat sein Leben der Wissenschaft hingegeben, ging regelmäßig bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit und manchmal auch darüber hinaus. Er starb am 12. Oktober 2003 im Alter von 75 Jahren. Die von ihm behandelten Probleme haben an Brisanz nichts eingebüßt.
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