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Anti-Soziologie
Der Begriff Anti-Soziologie geht auf Helmut Schelsky zurück und ist in dem Sinne zu verstehen: daß das Fach vielfach statt wissenschaftlich politisch wurde. Im Zuge dessen wird dann gegen alle vorliegende Erfahrungstatsachen an empirisch falschen Theoremen dogmatisch festgehalten, weil eine Wechselwirkung von Überzeugung einerseits und instrumentellen Interessen andererseits vorliegt. Das gilt in der Nachkriegszeit musterbeispielhaft für den Neomarxismus, der ein Gegengift provoziert, das unter Zuhilfenahme herrschaftssoziologischer Kenntnisse vor allem durch öffentliche Aufklärung neutralisierend wirken will. In diese Kategorie wird man z. B. folgende Worte des Herausgebers der Zeitschrift Gegengift (Ausg. 1/2004), Michael Ludwig, einordnen können, sofern sie sich auch an Soziologen richten:
“Und dann sind da noch die Intellektuellen zu nennen, jene selbstgerechte Avantgarde an Schaltstellen der Medien, die uns, die nach geordneten Fußtruppen, lehren wollen, wie Gut und Böse zu unterscheiden sind. Sie gebrauchen ihre Definitionsmacht über das, was unter Moral zu verstehen ist, wie ein scharf geschliffenes Schwert, mit dem sie ihre Pfründe verteidigen. Sie sind nicht zimperlich, wenn sie zuschlagen, und wenn die Köpfe rollen, fühlen sie sich wie Kreuzritter, die heidnisches Land unterwerfen und die Seelen der Bewohner für den rechten Glauben retten. Nun hat es sogar einen der Ihren erwischt - den linksliberalen Literaturwissenschaftler Walter Jens, der Mitglied der NSDAP gewesen sein soll. Man darf gespannt sein, wie dieser Fall ausgehen wird. Aber irgend ein Dreh, und sei er noch so durchsichtig, wird sich schon finden lassen, um Jens als moralische Galionsfigur glänzen zu lassen und seine Kritiker zu verdammen. Auf der richtigen Seite zu stehen heißt heute immer noch, links zu sein - Narrenfreiheit inbegriffen.”
Zur Auseinandersetzung mit der Anti-Soziologie im hier genannten engeren, aber auch einem weiteren Sinne liegt folgende Fachpublikation vor: Peter-Ulrich Merz-Benz, Gerhard Wagner (Hg.): Soziologie und Anti-Soziologie. Ein Diskurs und seine Rekonstruktion. Konstanz: UVK, 2001, 255 Seiten, 29 Euro.
(V. Kempf)
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