Kramer, Wolfgang: Technokratie als Entmaterialisierung der Welt. Zur Aktualität der Philosophien von Günther Anders und Jean Baudrillard, Münster, New York u. a.: Waxmann, 1998, 475 Seiten, br., DM 68.-

 

Zwei „Philosophen“ hat sich Wolfgang Kramer, der an der FU Berlin Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie ist, mit seiner Dissertation Technokratie als Entmaterialisierung der Welt (1998) vorgenommen: den aus Breslau stammenden jüdischen Österreicher Günther Anders (1902-1992) und den Franzosen Jean Baudrillard (geb. 1929). Beide sind sie radikale Empiristen, haben ähnliche Phänomene vor Augen und sind der sogenannten Schulphilosophie sowie Theorien der ihnen nahestehenden Sozialpsychologie und Soziologie schwer zuzuordnen.

Ersterer, also Anders, hatte seit 1945 die Atombombe, aber auch Rundfunk- und Fernsehgeräte sowie die industrielle Arbeit und die Gentechnologie vor Augen gehabt. Baudrillard philosophiert als der jüngere von beiden vorzugsweise über den Computer und andere moderne Medien. Anhand all dieser genannten Gegenstände artikulieren beide „Philosophen“ ein Unbehagen an destruktiven Strukturen unserer Epoche. Die fortgesetzte Steigerung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts folgt „einer Logik unaufhaltsamer Abstraktion vom Materiellen“ (2), woraus der Buchtitel Technokratie als Entmaterialisierung der Welt seine Plausibilität erhält. Unmittelbarkeit schwindet zugunsten von Simulation (Baudrillard) bzw. von Phantomen (Anders). Der technologische Bogen, der im 20. Jahrhundert von der Photografie über das Fernsehen und den Computer bis hin zur Technik des Klonens reicht, überschattet alles, was einstmals als „Wirklichkeit“ gegolten hat, die Natur ebenso wie die Welt der Dinge, welche zum bloßen Rohstoff der Reproduktionstechnologien werden. Anders formuliert vor diesem Hintergund eine kritische Kulturtheorie, und Baudrillard leitet eine fatalistische Kulturtheorie ab. Kramer schreibt: „Die Philosophie von Anders ist durch ein kritisches Denken ausgezeichnet, das aus Leid, Empörung und Zorn geboren ist. Anders will belehren, mahnen und aufrütteln. Baudrillard hingegen hält Kritik inzwischen für anachronistisch. Denn die Authentizität gelebter Existenz, die kritisches Denken einklagt, ist für Baudrillard mit Blick auf die tiefgreifende Virtualisierung der Welt unwiederbringlich verloren. An die Stelle einer kritischen, ist nun eine fatale Theorie getreten“ (11).

Damit sind im Kern die Gemeinsamkeiten von Anders und Baudrillard in der Analyse, aber auch die Unterschiede in der Haltung benannt. Bei allen Unterschieden in den Folgerungen, die Kramer auf die unterschiedliche Generationenzugehörigkeit der beiden Denker zurückführt (vgl. 11f), bleibt aber die gemeinsame Stoßrichtung einer Absage an die Geschichtsphilosophie der Hoffnung sowie an Heilsutopien. Macht Hoffnung nach Anders blind, so bringen Heilsutopien Baudrillard zufolge nur mehr Probleme mit sich als sie bewältigen.

Quasi den „Unterbau“ (Georg Simmel) zu den Entmaterialiserungsprozessen bildet, wie die zentrale These der Arbeit lautet, ein theologisches Motiv: „es geht um Überwindung der Endlichkeit, d. h. um Überwindung des Todes in Form des elektronischen Überlebens oder der Klonierung mit dem Ziel, einen unendlichen Status zu konstituieren“ (7). Die Verdrängung des Todes, welche ein Reich im Jenseits zum Glaubensinhalt jüdisch-christlicher Tradition machte, wird nach dem Tod Gottes im Diesseits der technischen Unternehmungen substituiert. So wird die im Buchtitel verlautbarte Technokratie der Entmaterialiserung der Welt letztlich zu einem religionsphilosophisch- und soziologisch zu fassenden Phänomen, das Anders und Baudrillard vor Augen haben. Angesichts dessen, so kann man hier hinzufügen, erhalten religiöse Versuche einer inneren Umkehr ihre Plausibilität. Anders hat denn auch eine Theologie der atomaren Situation verfaß, welche ihm gemessen am technokratischen Weltzustand aber selbst unzureichend erschien.

Bleibt zu schließen, daß Wolfgang Kramer eine fulminante, qualitativ höchst wertvolle Arbeit vorgelegt hat. Die Lektüre hat den Rezensenten in diesen Tagen um so mehr erfreut, als dessen eigene, gerade in Druck befindliche Arbeit über Günther Anders in die Schlußüberlegung mündet, daß mit den von Anders betrachteten Phänomenen im Anschluß an Georg Simmel eine Theorie der Moderne notwendig wird, die das Stadium des Risikos bzw. der zweiten, reflexiven Modernisierung (Ulrich Beck) hinter sich läßt. Das Buch Technokratie als Entmaterialisierung der Welt leistet einen sicher nicht ganz unerheblichen Theoriebeitrag dazu.

Volker Kempf

 

(Quelle: Wechselwirkung. Naturwissenschaft, Technik, Gesellschaft & Philosophie, Vijlen/Niederlande, H. April/Mai 2000, S. 74).

 

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