Von der Tragödie der Kultur

zur Antiquiertheit des Menschen

oder: Von Georg Simmel zu Günther Anders[1] / Von Volker Kempf

 

Günther Anders (1902-1992) wurde einem breiten Publikum als philosophischer Schriftsteller bekannt. Die Antiquiertheit des Menschen (Bd. I: 1956; Bd. II: 1980) und der Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly[2] (1961) gehören zu seinen am meisten beachteten Schriften. Auch für Das Argument und die Scheidewege hatte Anders mehrfach zur Feder gegriffen. Doch Anders führte in der Profession lange Zeit nur ein Fußnotendasein. 1959 allerdings folgte ein Ruf an die „Freie Universität Berlin“, dem Anders aber wegen seines intensiven politischen Engagements nicht nachkam. Erst in den 80er Jahren setzte dann allmählich eine Rezeption der Andersschen Schriften ein. Hierbei zählt Micha Brumliks 1988 erschienener Aufsatz Günther Anders. Zur Existentialontologie der Emigration mit seinen 40 Seiten zu den ersten etwas umfangreicheren Arbeiten. Brumlik will in methodischer Hinsicht entdeckt haben, daß Anders einen „generationstypischen Hintergrund für sein Philosophieren“[3] in Anspruch nimmt. Soll heißen, daß Georg Simmel auf die geistige Elite bis hin zu Ernst Bloch, Theodor W. Adorno und Georg Lukács einwirkte und auch Anders davon nicht verschont blieb. Letzterer habe zudem ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der völlig zu Unrecht vergessene Georg Simmel ihm mit der Gelegenheitsphilosophie vorausgegangen sei.[4]

Ein Jahr später macht Hans-Martin Lohmann eine inhaltliche Nähe zwischen Anders und Simmel explizit. Lohmann bemerkt, daß der Terminus Diskrepanz, mit dem Anders seine eigene Philosophie einmal gekennzeichnet hat, von Georg Simmel inhaltlich ähnlich verwendet wird. Beide hätten sie eine Diskrepanzphilosophie vorgelegt: Simmel versucht das Auseinandertreten der subjektiven und objektiven Kultur zu fassen, während Anders vom Gefälle dessen spricht, was der Mensch objektiv herstellen und sich subjektiv vorstellen kann.[5]

Dieser Verbindungsfaden wurde in der Rezeptionsgeschichte nicht weiter verfolgt, bis Margret Lohmann in ihrer umfassenden Dissertation Philosophieren in der Endzeit. Zur Gegenwartsanalyse von Günther Anders (1996) auf die Affinitäten zwischen Simmel und Anders wieder zu sprechen kommt. Sie rät letztlich aber davon ab, diese Affinität weiter zu verfolgen. Denn der „generationstypische Hintergrund“, von dem Brumlik spricht, sei zu allgemein, um dem etwas Spezifisches abgewinnen zu können. Eine Spurensicherung über das Simmelsche bei Anders sei ohnehin schwer durchführbar, da die expliziten Bezüge spärlich seien. Auch widerspräche es Anders’ eigener Auffassung, seine konkrete Philosophie auf jemand anderes zurückzuführen. Die Gefahr sei groß, schreibt Margret Lohmann sinngemäß, daß dergestalt Anders’ Originalität unter Rückgriff auf Simmel unnötig reduziert werde. Implizit wirft die Verfasserin dies auch Micha Brumlik vor. Dabei hat Brumlik das Spezifische in Anders’ Philosophie herausgearbeitet und nicht erwiesenermaßen versucht, diese auf Simmel zu reduzieren.[6]

Entgegengesetzt zu Margret Lohmanns Ausführungen vertrete ich die Auffassung, daß es sich durchaus lohnt, von dem Philosophen und Soziologen Georg Simmel (1858-1918) einen Bogen zu Günther Anders zu schlagen und eine Kontinuität in der Theoriebildung festzustellen. Dies um so mehr, als Simmel bald nach seinem Tode zunehmend in Vergessenheit geriet, um seit den 80er Jahren eine Renaissance zu erfahren, während für Anders Simmel immer schon von bleibender Aktualität war.

Warum, so muß gefragt werden, soll mit Blick auf Anders’ Werkschaffen nicht sogar von einer Anschlußtheorie an Georg Simmel gesprochen werden? Gilt etwa Simmels Modernisierungstheorie als zeitlos, so kamen nach Simmels Tod aber doch weitere bedeutende technische Neuerungen hinzu, besonders einschneidend die Atombombe, welche nach Anders eine neue Qualität mit sich bringt: die der Endzeit, welche in ein Zeitende umzuschlagen drohe. Dieser qualitative Sprung, den die Moderne seit Hiroshima und Nagasaki erfahren hat, wurde von Anders eingehend analysiert, was ihn durchaus originell macht. Daß Anders dabei Simmel für sich neu entdeckt hat, macht ihn zu einem Anschlußtheoretiker.

Georg Simmel sprach von einer Tragödie der Kultur,[7] weil die geldwirtschaftlich bedingte Arbeitsteilung eine so triumphale objektive Kulturleistung hervorgebracht hat, daß der einzelne Mensch sich diese subjektiv nicht mehr aneignen kann, ihr zunehmend fremd wird. Tragisch ist, daß der Mensch sich die objektive Kultur aber aneignen muß, um sich selbst zu kultivieren. Der Mensch bleibt also ein Fremdling in der Welt,[8] die er sich selbst erschaffen hat, schreibt Simmel. Damit nimmt er sogar Anders’ werksgeschichtlich so bedeutenden Entwurf von einer negativen philosophischen Anthropologie im Wortlaut vorweg, der da lautet: Die Weltfremdheit des Menschen.[9]

Der Affinitäten ließen sich weitere hinzufügen. Hier will ich mich aber darauf beschränken, plausibel zu machen, wie Anders dazu gekommen sein soll, Simmel eine so große Bedeutung beigemessen zu haben, daß er diesem mehr oder minder durchweg verbunden geblieben ist. Hier erhellt ein Blick in Anders’ Biographie, genauer gesagt in sein Elternhaus, einiges. Denn Anders’ Vater, der seinerzeit besonders bedeutsame Psychologe William Stern, schätzte Simmel sehr, kannte ihn aus Veranstaltungen auch persönlich und zeigte sich über dessen frühen Tod „auf’s Tiefste erschüttert“[10]. Auch Jonas Cohn, bei dem Anders während seiner Studentenzeit in Freiburg wohnte, ist ein ausgewiesener Kenner Simmels.

Die Bedeutung Martin Heideggers wird in der Anders-Forschung hoch angesetzt. Vieles trennt Anders allerdings von seinem einstigen Lehrer Heidegger. So hat Anders an Heidegger zu kritisieren gewußt, daß er vom Galuben an Systeme nicht ganz lassen konnte. Und Charles Darwin ließ Heidegger hochmütig links liegen. Auch hatte Anders Karl Marx in sein Denken mit einbezogen, Heidegger jedoch nicht. Diese Kritikpunkte und ausgemachten Unterschiede sind bezüglich Simmel nicht auszumachen, im Gegenteil. Vor diesem Hintergrund ist nicht einzusehen, warum in der Anders-Forschung Heidegger eine besondere Bedeutung zukommen soll, Simmel jedoch nicht.

Hat Anders den von Simmel anvisierten Fremdling in der Welt angesichts der atomaren Bedrohung als vom Aussterben bedroht angesehen, so ging diese Einsicht in das Theorem von der Antiquiertheit des Menschen ein. Der Bogen von der Tragödie der Kultur zur Antiquiertheit des Menschen läßt sich spannen und sollte, um unsere Gegenwart möglichst zutreffend in Gedanken fassen zu können, auch beschritten werden.[11] Ist dies einmal geschehen, wird es Zeit, Anders’ Gegenwartsanalysen nicht nur zu erfassen, sondern auch einer Kritik auszusetzen. Mag man hier einwenden, Anders werde so selbst in die Sphäre der objektiven Kultur enthoben, in der man sich lebensfremd mit seinen Gedanken auseinandersetzt und ihn damit entpolitisiert, so sei hier hinzugefügt, daß es jedem persönlich frei steht, sich speziell diese Kulturleistung wieder anzueignen, um auch politische oder subpolitische Schritte zu erwägen. Niemand ist schließlich verpflichtet, bei der Wissenschaft oder der sogenannten Schulphilosophie stehen zu bleiben.

 

(Eine erweiterte Textfassung erscheint im November 2000 in: Naturkonservativ heute. Jahrbuch der Herbert-Guhl-Gesellschaft: 2001, hrsg. von Volker Kempf und Heinz-Siegfried Strelow.)

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[1] In diesem Aufsatz versuche ich wesentliche Punkte aus meiner jüngst erschienenen Arbeit Günther Anders – Anschlußtheoretiker an Georg Simmel? (Bern, Frankfurt am Main u. a.: P. Lang, Februar 2000) zur Sprache zu bringen und einen Ausblick zu geben.

[2] Der Briefwechsel wurde von Robert Jungk herausgegeben und erschien unter dem Titel Off limits für das Gewissen, wiederabgedruckt in Günther Anders’ Buch Hiroshima ist überall (München: C. H. Beck, 1982.)

[3] Brumlik, Michael: Günther Anders. Zur Existentialontologie der Emigration, in: Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1988, S. 111-150, hier S. 139

[4] Vgl. ebenda, S. 113 bzw. Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, Nachdr. der 4. Aufl., München: C. H. Beck, 1992, S. 417; (1. Aufl. 1980).

[5] Vgl. Lohmann, Hans-Martin: Der Diskrepanz-Philosoph. Günther Anders, in: ders.: Geisterfahrer. 22 Portraits der europäischen Linken, Hamburg: Junius, 1989., S. 107-123.

[6] Vgl. Lohmann, Margret: Philosophieren in der Endzeit. Zur Gegenwartsanalyse von Günther Anders, München: W. Fink, 1996, S. 83ff.

[7] Vgl. Simmel, Georg: Der Begriff und die Tragödie der Kultur, in: ders.: Philosophische Kultur bzw. Georg Simmel Gesamtausgabe, Bd. 14, Frankfurt am Main: Suhrkam, 1996, S. 385-417.

[8] Simmel spricht wörtlich vom „Fremdling“ sowohl „unter den Dingen der Welt als auch „unter denen .., die für jeden die Nächsten sind“ (Philosophische Kultur bzw. Georg Simmel Gesamtausgabe, Bd. 14, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996, hier S. 274.)

[9] Unter diesem Titel hielt Anders 1929 einen Vortrag, der bisher aber nie in deutscher Sprache veröffentlicht wurde; vielmehr liegt von Anders eine französischsprachige Fassung aus den 30er Jahren vor (Pathologie de la liberté. Essai sur la non-identification, in: Recherches Philosophiques, Paris, VI, 1937, S. 22-54.)

[10] Stern, William: Der Briefwechsel zwischen William Stern und Jonas Cohn. Dokumente einer Freundschaft zwischen zwei Wissenschaftlern, hrsg. von Helmut E. Lück und Dieter Löwisch, Bern, Frankfurt am Main u. a.: P. Lang, 1994, S. 114.

[11] Einen wichtigen Beitrag hierzu hat der Soziologe und Philosoph Wolfgang Kramer mit seiner Arbeit Technisierung als Entmaterialisierung der Welt. Zur Aktualität der Philosophien von Günther Anders und Jean Baudrillard (Münster, New York u. a.: Waxmann, 1998) vorgelegt.