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Soziologische Seiten
von Volker Kempf

„Kultur, Geist, Kunst müssen heute ... in den Untergrund gegenüber der herrschenden Publizität, Politisierung, Verschulung und Verwaltung. Eine neue Front des langen Atems, wahrscheinlich über Generationen, des Atems des Geistes, ist erforderlich, um über Gestaltwandlung bisher nicht vorstellbarer Art das kulturelle Erbe zu retten.“ (Helmut Schelsky, Die Wüste wächst, 1976)   

Papstrede im Deutschen Bundestag
Denkanstoß über das Jahr hinaus


papsbriefmarke

Ein Großereignis war im vergangene Jahr 2011 der Besuch des Papstes Benedikt XVI. in Deutschland. Die Tagespresse im Raum Freiburg beschäftigte sich schon Wochen vor seiner Ankunft damit und schlug einen auffallend kirchen- und papstkritischen Ton an. Das legte sich erst wenige Tage vor dem Besuch. Am wichtigsten dürfte aber auch nicht die Station in Freiburg gewesen sein, sondern in der Bundeshauptstadt Berlin. Hier hielt der Papst auf Einladung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) seine erste Rede vor einem nationalen Parlament. Es war dies das Parlament seines Heimatlandes, dem sich der Papst „lebenslang verbunden“ fühle und dessen „Geschicke“ er „mit Anteilnahme“ verfolge. Die kirchen- und papstkritische Stimmung im Land, in der der Papst hineinreden mußte, schimmerte nur einmal durch, indem der Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele (Grüne) demonstrativ den Raum verließ. Er dürfte einiges verpaßt haben. Denn der Papst hatte vor allem als christlicher Philosoph brilliert, der sich erklärtermaßen des Themas „Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates“ annahm. Wie kann man gut und böse unterscheiden? Wo liegen die Wurzeln für den Rechtsstaat? Was ist der Maßstab für Erfolg? Alle drei Fragen beantwortete der Papst mit Verweis auf die christlich-abendländische Geistesgeschichte. Er führte aus, dass Christ sein auch heißen könne, gegen eine geltende Rechtsordnung zu verstoßen. „Von dieser Überzeugung her haben“, so der Papst, „die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und“ wie er mit Bedacht hinzufügte, „gegen andere totalitäre Regime gehandelt“, die damit „dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen“ hätten. Und er schloß: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre Amputation unserer Kultur insgesamt ...“

Bemerkenswert waren Überlegungen, die der Papst in seine Rede eingestreut hatte. Der Papst gab zu erkennen, daß der moderne Mensch in einer „selbstgemachten Welt“ lebe, aber doch aus den „Vorräten Gottes schöpfen“ würde. Die Ökonomen, so könnte hierzu bemerkt werden, sprechen von der Wertschöpfung durch den Menschen, verkennen aber, was die vom Menschgen selbst nicht geschaffene Natur alles an Werten bereitstellt, ohne die der Mensch gar nichts machen könnte. So naturvergessen hatte der Mensch gewirtschaftet und die Natur in einem Maße beeinträchtigt, die zum Nachdenken anregen mußte. Von daher meinte der Papst, „daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren ... ein Schrei nach frischer gewesen“ sei. Es sei „jungen Menschen ... bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt“. Die Umweltliteratur schwoll damals im Sachbuchsegment stark an. Rationale Erklärungen wurden für ein Gefühl gesucht, das „viel irrationales“ beinhaltete, wie der Papsterklärte. Der Applaus war an dieser Stelle auf Seiten der Grünen sehr groß. Der Papst fügte eigens hinzu, für keine Partei „Propaganda“ machen zu wollen. Wenn der Umgang mit der Natur nicht angemessen sein könne, dann müßten alle ernstlich über das Ganz nachdenken. Die Bedeutung der Ökologie sei daher mit guten Gründen unbestritten. Ein anderer Punkt werde aber „weitgehend ausgeklammert“: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen.“ Das meint, „auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Der Wille des Menschen habe diese Natur zu achten, sonst würde er keine Freiheit schaffen.

Es ist an dieser Stelle hilfreich, in die Geistes- und Wissenschaftsgeschichte zurückzublicken. Denn dann wird deutlich, dass einst die Natur des Menschen einseitig und agressiv verklärt in Anspruch genommen wurde. Aber nun in das Gegenteil zu verfallen, das kann kaum besser sein. Darauf wies 1956 schon einer der Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie hin, Helmuth Plessner: „Wir haben die Gefahren einer Ideologie erlebt, welche den Menschen rein biologisch definieren wollte. Andere Ideologien, die ihn anders definieren, aber genau so festlegen, werden ebenso verhängnisvoll sein.“ (Plessner, Über einige Motive der Philosophischen Anthropologie).

Das muß zwangsläufig die Frage aufwerfen, was für Ideologien das sein sollen. Es sind dies Emanzipationsideologien, also Vorstellungen, der Mensch könne sich von allem und jedem frei machen, um sich selbst zu verwirklichen. Menschen werden hiernach nicht als Männer und Frauen geboren, sondern sie werden es durch die Gesellschaft, wird dann - in der Soziologie durchaus populär - behauptet. Der Mensch wird dann einseitig durch seine Erwerbsarbeit definiert, nicht mehr dadurch, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein, denn diese Verantwortung wird den Kleinkind- und Ganztagsschulenbetreuern übertragen. Nun gehört es zur Freiheit, sein Leben selbst zu bestimmen, in Verantwortung für das eigene Handeln. Der Papst aber sprach in diesem Zusammenhang von Manipulation. Manipulation ist es, wenn, wie jetzt in Baden-Württemberg, die Grunderwerbssteuer erhöht wird, um das Geld in die kollektive Kinder- und Kleinkinderbetreuung zu investieren. Man nimmt Familien Geld und lockt mit diesem Geld Eltern, so und nicht anders zu handeln wie von der Politik aus ideologischen Gründen gefordert. Das ist kein Beitrag zur Wahlfreiheit. Für sich genommen ist das ein Mosaikstein, das in ein Gesamtbild gehört, das die warnenden Worte Plessners und nun des Papstes in den Wind schreibt. Der Papst wolle mit seiner Rede zur Diskussion über wichtige Grundsatzfragen anregen. Der Applaus verstummte in diesem Zusammenhang aber, weil genau hier Nachdenklichkeit am Platz ist, wo längst eingefahrene Denkweisen vorherrschen. Diese Denkweisen sind nie unwidersprochen geblieben, Christa Meves etwa fand mit ihren Einwänden gegen die aufgedrängten Meinungen des Zeitgeistes eine breite Leserschaft und wurde von Papst Benedeikt XVI. nicht zufällig schon kurz nach seiner Amtseinführung mit dem Gregorius-Orden bedacht.      

Sie suchen Analysen zur Zeit, ein Lektorat für Ihre “Soziologische Seiten”, Vorträge zu den hier in den vorgelegten Büchern behandleten Themen oder möchten sich nur etwas inspirieren lassen, dann herzlich willkommen.

Letzte Aktualisierung: 16.1.2012 

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